Baba Ali Barzandschi

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Scheich Mahmud Barzandschi mit seinem Sohn

Scheich Baba ʿAli (eigentlich ʿAli Baba[1]) Mahmud al-Barzandschi[Anm. 1] (* um 1912[2][3] oder um 1915[4][5] in Barzinjah, Sandschak as-Sulaimaniya, damals Osmanisches Reich), gelegentlich auch als Barzanji, Barzinji oder Barzinja transkribiert, war ein kurdischer Politiker im Irak. Er war einer der drei Söhne des Scheichs Mahmud Barzandschi (Mehmûd Berzincî).[4][6] Zwischen 1946 und 1963 war Baba Ali dreimal kurzzeitig Minister der irakischen Zentralregierung – im Königreich, in Qasims Republik und in al-Bakrs erstem Baath-Kabinett.[2][7]

Probritische Gegner Mahmuds, aber zugleich Väter von Baba Alis Studienkameraden: die Haschimiten-Könige Faisal I. von Irak (rechts), Abdallah von Transjordanien (Mitte) und Ali von Hedschas (links)

Sein Vater Mahmud, ein einflussreicher Großgrundbesitzer in der nordirakischen Provinz Sulaimaniya und selbsternannter „König von Kurdistan“, hatte seit 1919 mehrere erfolglose Aufstände gegen die britische Kolonialmacht angeführt und war 1927 zunächst nach Persien (Iran) geflüchtet. Für die Erlaubnis zur Rückkehr in den Irak stimmte Scheich Mahmud zu, seinen Sohn Baba Ali als Geisel[1] in die Obhut der Briten zu geben. Die Briten schickten Baba Ali daraufhin 1928 an das renommierte Victoria College im ägyptischen Alexandria[8][9], wo er unter anderem zusammen mit den Haschimiten-Prinzen Nayif ibn Abdallah von Jordanien[1] und Abd ul-Ilah ibn Ali von Hedschas studierte.[3] Britischen Plänen, Baba Ali in Großbritannien am Royal Air Force College Cranwell studieren und ihn eine Laufbahn in der neugeschaffenen irakischen Luftwaffe einschlagen zu lassen, widersetzten sich sowohl Scheich Mahmud als auch das irakische Innenministerium; und während Baba Ali in Ägypten zusammen mit den Haschimiten-Prinzen studierte[Anm. 2], führte sein Vater im Irak 1930/31 gegen den probritischen Haschimiten-König Faisal I. einen erneuten Aufstand, der schließlich mit Hilfe der Royal Air Force niedergeschlagen wurde.[10]

Nach dem Abschluss des Victoria College 1932 studierte Baba Ali zunächst Medizin in Bagdad[3] (wohin sein enteigneter Vater inzwischen verbannt worden war), wurde dann aber 1933 an die Columbia University nach New York geschickt[2], um dort Politische Ökonomie zu studieren. Nach seiner Rückkehr übernahm er 1938 eine Position im Eisenbahnwesen, die er jedoch bald darauf wieder aufgab, woraufhin er sich zunächst auf die zurückerhaltenen Barzandschi-Familiengüter in der Provinz Sulaimaniya zurückzog.[6]

Politische Karriere

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Julirevolution 1958: Radikale Republikaner mit dem verstümmelten Leichnam Abd ul-Ilahs, des einstigen Regenten und Studienkameraden Baba Alis. In der anschließend gebildeten ersten republikanischen Regierung wurde Baba Ali Minister.
Abd al-Karim Qasim (rechts) mit Mustafa Barzani (1959)

Im Juli 1943 kritisierte Baba Ali scharf die zunehmend antikurdische Politik der Regierung, vor allem des (schiitischen) Innenministers Salih Dschabr (Ğabr) und wurde verhaftet. Nach Dschabrs Ablösung kam Baba Ali zwar im November 1943 wieder frei, setzte aber seine Kritik vor allem an den Verhältnissen in seiner Heimatprovinz Sulaimaniya fort, wo er sich beispielsweise um die Entwicklung des Tabak-Anbaus und die Schonung der kurdischen Wälder bemühte[6] (nicht zuletzt jener Wälder, die zum Familienbesitz gehörten).

Ab Frühjahr 1946 unterstützte Baba Ali Vorbereitungen zur Gründung der Kurdischen Demokratischen Partei (KDP)[Anm. 3], sein Bruder Latif wurde Gründungsmitglied und Vizepräsident der Partei.[4][11] In Bagdad blieben Baba Alis Bemühungen um eine Erlaubnis zur Rückkehr für den im Exil befindlichen KDP-Chef Mustafa Barzani zwar vergeblich[12], im Juni 1946 aber wurde er von Premierminister Arschad al-Omari als Wirtschaftsminister in die irakische Regierung aufgenommen[2] und behielt diesen Posten zunächst auch unter al-Omaris Nachfolger Nuri as-Said (ab November 1946).[7] Nach Nuri as-Saids Rücktritt im März 1947 wurde Baba Ali Abgeordneter des irakischen Parlaments und schloss sich dort der Opposition gegen die antikurdische Politik von as-Saids Nachfolger Salih Dschabr an.[6] Dschabr wurde schließlich 1948 durch einen Volksaufstand gestürzt.

Der endgültige Sturz der probritischen Haschimiten-Monarchie gelang durch die Julirevolution von 1958. In Premierminister Abd al-Karim Qasims erstem republikanischen Kabinett wurde Baba Ali Minister für Kommunikation[2] und für öffentliche Arbeiten[13]; von Februar bis Juli 1959 war er dann nur noch Minister für öffentliche Arbeiten.[7] Baba Ali handelte in Qasims Auftrag erfolgreich die Rückkehr Mustafa Barzanis aus.[14][15] Nach dem Massaker von Kirkuk[Anm. 4] im Juli 1959 ging Qassim jedoch zunehmend auf Distanz sowohl zu den Kurden, die immer weitreichendere Autonomieforderungen stellten, als auch zu den Kommunisten, die sein Regime bisher gegen die Panarabisten (Nasseristen, Baathisten) unterstützt hatten. Nach dem Bruch zwischen Qasim und Barzani kam es 1961 zu einem erneuten Kurden-Aufstand bzw. irakisch-kurdischen Kämpfen.

Barzani unterstützte daraufhin die Panarabisten, die Qasim im Februar 1963 schließlich stürzten. Im neuen Kabinett des baathistischen Premierministers Ahmad Hasan al-Bakr wurde Baba Ali noch einmal Landwirtschaftsminister[7], verlor jedoch auch dieses Amt wieder, als im Militärputsch vom 18. November 1963 die Baathisten von den Nasseristen um Präsident Abd as-Salam Arif gestürzt wurden. Dennoch vermittelte Baba Ali im Dezember 1963 auch zwischen der neuen pro-nasseristischen Regierung und Barzani.[16] Arif setzte den Krieg gegen Barzanis Kurden fort, nach Arifs Unfalltod im April 1966 bemühte sich Premierminister Abd ar-Rahman al-Bazzaz jedoch um eine Beilegung des Konflikts. In diesem Zusammenhang soll Baba Ali kurzzeitig als möglicher Vizepräsident des Irak im Gespräch gewesen sein.[17]

Baba Ali galt als probritisch[18] bzw. „amerikanisiert“[19] und als Beschützer der jüdischen Minderheit im Nordirak[5]. Er wurde daher vor allem von angloamerikanischen Autoren und Beamten als „charmant“[9], „moderat“[20] und „kompetent“[19] beschrieben sowie als eine „attraktive[1], aber nicht sehr kraftvolle Persönlichkeit“.[6]

  1. gelegentlich auch Baba Ali Scheich Mahmud
  2. Dem widerspricht eine Angabe in Slugletts Britain in Iraq (Seite 132), der zufolge Scheich Mahmud 1930 seinen Sohn Baba Ali zu anderen Kurden-Scheichs in Sulaimaniya gesandt habe, um den Aufstand vorbereiten zu helfen.
  3. Ob bzw. wann auch Baba Ali KDP-Mitglied (und sogar Politbüro- oder ZK-Mitglied) wurde, darüber gibt es unterschiedliche Angaben.
  4. Bei Auseinandersetzungen am ersten Jahrestag der Revolution hatten kommunistische Aktivisten und linke Kurden Dutzende konservativer Turkmenen, Araber und Assyrer getötet.

Einzelnachweise

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  1. a b c d Elizabeth Warnock Fernea: Remembering Childhood in the Middle East - Memoirs from a Century of Change, Seite 42. University of Texas Press, Austin 2010
  2. a b c d e Mideast Mirror, Band 15, Seite 6. Arab News Agency, Beirut 1963
  3. a b c Sahar Hamouda, Colin Clement: Victoria College - A history revealed, Seiten 78ff und 246. American Univ. in Cairo Press, Cairo/New York 2002
  4. a b c Erhard Franz: Kurden und Kurdentum - Zeitgeschichte eines Volkes und seiner Nationalbewegungen, Seiten 126, 164f, 171f. Mitteilungen 30, Deutsches Orient-Institut Hamburg 1986
  5. a b Mordechai Zaken: Jewish Subjects and Their Tribal Chieftains in Kurdistan - A Study in Survival, Seite 110. BRILL, Leiden 2007
  6. a b c d e Robin Leonard Bidwell: British documents on foreign affairs - reports and papers from the Foreign Office confidential print, Band 9 (From the First to the Second World War. Series B, Turkey, Iran, and the Middle East, 1918-1939), Seite 305. University Publications of America, Michigan 1985 bzw.
    Malcolm Yapp: British documents on foreign affairs - reports and papers from the Foreign Office confidential print, Band ? (From 1946 through 1950. Near and Middle-East 1947. Eastern Affairs, January 1947-December 1947), Seiten 49 und 56. University Publications of America, Michigan 2001
  7. a b c d Edmund A. Ghareeb, Beth Dougherty: Historical Dictionary of Iraq, Seiten 349 und 358. The Scarecrow Press, Lanham/Oxford 2004
  8. Peter Sluglett: Britain in Iraq - Contriving King and Country, Seite 126. I.B.Tauris, London/New York 2007
  9. a b Kurds, Arabs and Britons - The Memoir of Wallace Lyon in Iraq 1918-1945, Seite 167. I.B.Tauris, London/New York 2001
  10. Ian Philpott: The Royal Air Force, Volume 2 (An Encyclopedia of the Inter-War Years 1930-1939). Pen and Sword, Barnsley 2006
  11. Ofra Bengio: Kurdish Awakening - Nation Building in a Fragmented Homeland, Seite 77. University of Texas Press, Austin 2014
  12. David McDowall: A Modern History of the Kurds, Seite 296. I.B.Tauris, London/New York 2004
  13. Wadie Jwaideh: The Kurdish National Movement - Its Origins and Development, Seite 230. Syracuse University Press, New York 2006
  14. Kurdistan-Photolibrary.org: Foto Barzanis mit Baba Ali im Irak (1959)
  15. Henry D. Astarjian: The Struggle for Kirkuk - The Rise of Hussein, Oil, and the Death of Tolerance in Iraq, Seite 46. Greenwood Publishing Group, London/Westport 2007
  16. Awat Asadi: Der Kurdistan-Irak-Konflikt - der Weg zur Autonomie seit dem Ersten Weltkrieg, Seite 207. Verlag Hans Schiler, Berlin 2007
  17. Asian Recorder, Band 12, Seite 7283. New Delhi 1966
  18. William Eagleton: An introduction to Kurdish rugs and other weavings, Seite 26. Scorpion, 1988
  19. a b American Jewish Committee: Commentary, Juli 1958, Band 26, Seite 198. American Jewish Committee 1958
  20. Lokman I. Meho: The Kurdish Question in U.S. Foreign Policy - A Documentary Sourcebook, Seite 456. Greenwood Publishing Group, London/Westport 2004