Literaturoper

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Die Literaturoper (oder Literatur-Oper) ist ein von Edgar Istel[1] geprägter Begriff und beschreibt das im 20. Jahrhundert entstandene Genre der Oper, bei dem bereits bestehende Bühnenwerke des Theaters ohne wesentliche Veränderungen – allenfalls Kürzungen – in Musik gesetzt werden. Die noch bis circa 1980 übliche erweiterte Verwendung des Begriffes „Literaturoper“ auch für Opernlibretti auf der Basis literarisch bedeutsamer Dramen, Romane und Erzählungen ist durch die jüngere Forschung zur Geschichte des Opernlibrettos überholt worden, da ein Rückgriff auf literarische Stoffe der Vergangenheit die Librettogeschichte seit der Entstehung der Gattung Oper generell geprägt hatte.[2]

Nach einer neueren Definition von Hans-Gerd Winter und Peter Petersen bedeutet der Terminus „Literaturoper“ „eine Sonderform des Musiktheaters, bei der das Libretto auf einem literarischen Werk basiert, dessen sprachliche, semantische und ästhetische Struktur in dem musikalisch-dramatischen Werk als Strukturschicht kenntlich bleibt.“[3] Istel lehnte die Literaturoper als eine untaugliche Notlösung ab.

Die Literaturoper setzte sich im europäischen Opernschaffen erst durch, als mit Richard Wagner und der von ihm entwickelten durchkomponierten dramatischen Großform die Konventionen der Versmetrik für die Form eines Libretto-Textes schwanden und gleichzeitig die Personalunion von Librettodichter und Komponist als neue Norm der Opernproduktion erschien. Gerade im Bereich der romanischen Sprachen wurde der alliterierende Vers in Wagners Ring des Nibelungen als Prosatext wahrgenommen, da die silbenzählende Versmetrik im Französischen, Italienischen, Spanischen und Portugiesischen den konsonantischen Anlaut der germanischen Sprachen nicht als Verselement verstehen konnte.[4] Da die Produktion von Literaturopern die Gestalt des Librettisten potentiell überflüssig macht, konnte sich die Gattung zuerst in denjenigen Opernkulturen durchsetzen, in denen die professionelle Librettistik noch nicht über eine lange Tradition verfügte (Russland, Deutschland). In der Geschichte der französischen und russischen Musik des 19. Jahrhunderts finden sich erste Beispiele für dieses dramaturgische Verfahren.[5] Zu den ersten Literaturopern der europäischen Operngeschichte zählen Alexander Dargomyschskis Oper Der steinerne Gast (nach Puschkin) sowie Modest Mussorgskis Opernfragment Die Heirat und sein Boris Godunow (ebenfalls nach Puschkin).[6]

Im französischen und italienischen Opernschaffen, die seit Jahrhunderten über eine etablierte Librettotradition verfügten, vollzog sich die Einführung der Literaturoper parallel zu den Diskussionen über die Möglichkeit eines Prosalibrettos.[7] Da die italienische Tradition des Opernverses sich als besonders resistent gegenüber dem Vordringen von Librettodichtungen in Prosa erwies, konnte die Tradition der italienischen Literaturoper sich erst dank der Vertonungen der Dramen Gabriele d’AnnunziosAlberto Franchetti, La figlia di Iorio (1906), Pietro Mascagni, Parisina (1913), Riccardo Zandonai, Francesca da Rimini (1914), Ildebrando Pizzetti, Fedra (1915) – dauerhaft etablieren.[8]

Zu den ersten Komponisten außerhalb Russlands, die Theaterstücke direkt vertonten, zählen Charles Gounod,[9] Pietro Mascagni, Claude Debussy, Richard Strauss und Alberto Franchetti. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlangte das Genre vor allem in Deutschland eine Blüte, und Komponisten griffen häufig auch auf historische Theaterstücke zurück. Die Produktion von Literaturopern hält bis heute an.

Literaturopern auf Theatertexte

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Literaturopern nach Romanen und Erzählungen

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  • Vincenzo Borghetti, Riccardo Pecci: Il bacio della sfinge. D’Annunzio, Pizzetti e »Fedra«. EDT, Torino 1998.
  • Carl Dahlhaus: Vom Musikdrama zur Literaturoper. Aufsätze zur neueren Operngeschichte. Überarbeitete Neuausgabe. Piper u. a., München u. a. 1989, ISBN 3-7957-8238-4 (Serie Piper 8238).
  • Albert Gier: Das Libretto. Theorie und Geschichte einer musikoliterarischen Gattung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1998, ISBN 3-534-12368-9. (Taschenbuch: Insel, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-458-34366-0)
  • Swantje Gostomzyk: Literaturoper am Ende des 20. Jahrhunderts. Eine interdisziplinäre Studie am Beispiel der Opern von Detlev Glanert. Lang, Frankfurt am Main 2009.
  • Adriana Guarnieri Corazzol: Musica e letteratura in Italia tra Ottocento e Novecento. Sansoni, Milano 2000.
  • Hugh MacDonald: The Prose Libretto. In: Cambridge Opera Journal 1, 1989, S. 155–166.
  • Jürgen Maehder: The Origins of Italian »Literaturoper« ─ »Guglielmo Ratcliff«, »La figlia di Iorio«, »Parisina« and »Francesca da Rimini«. in: Arthur Groos/Roger Parker (Hrsg.): Reading Opera, Princeton University Press, Princeton 1988, S. 92–128.
  • Jürgen Maehder: Drammaturgia musicale e strutture narrative nel teatro musicale italiano della generazione dell'Ottanta. in: Mila De Santis (Hrsg.): Alfredo Casella e l'Europa. Atti del Convegno internazionale di Studi a Siena, 7-9 giugno 2001, Olschki, Firenze 2003, S. 223–248.
  • Jürgen Maehder: »Salome« von Oscar Wilde und Richard Strauss ─ Die Entstehungsbedingungen der sinfonischen Literaturoper des Fin de siècle. in: Jürgen Kühnel/Ulrich Müller/Sigrid Schmidt (Hrsg.): Richard Strauss, »Salome«: Stofftraditionen, Text und Musik, Mueller-Speiser, Anif/Salzburg 2013, S. 55–107.
  • Oswald Panagl: Literaturoper: Terminologische und semantische Überlegungen eines Linguisten. in: ders.: Im Zeichen der Moderne. Musiktheater zwischen Fin de Siècle und Avantgarde. Hollitzer Verlag, Wien 2020, S. 35–44, ISBN 978-3-99012-902-9.
  • Peter Petersen: Der Terminus „Literaturoper“ – eine Begriffsbestimmung. In: Archiv für Musikwissenschaft. Band 56, 1999, Heft 1, S. 52–70.[10]
  • Olaf Roth: Die Opernlibretti nach Dramen d’Annunzios. Peter Lang, Bern/Frankfurt/New York 1999.
  • Dörte Schmidt: Lenz im zeitgenössischen Musiktheater. Literaturoper als Kompositorisches Projekt bei Bernd Alois Zimmermann, Friedrich Goldmann, Wolfgang Rihm und Michèle Reverdy. Stuttgart, Metzler, 1993.
  • Jürg Stenzl: Heinrich von Kleists Penthesilea in der Vertonung von Othmar Schoeck. In Günter Schnitzler (Hrsg.): Dichtung und Musik – Kaleidoskop ihrer Beziehungen. Klett-Cotta, 1979, S. 224 ff.
  • Richard Taruskin: Realism as Preached and Practiced – The Russian Opera Dialogue. In: Musical Quarterly, 56, 1970, S. 431–454.
  • Almut Ullrich: Die „Literaturoper“ von 1970–1990. Texte und Tendenzen. Noetzel, Wilhelmshaven 1991, ISBN 3-7959-0617-2 (Veröffentlichungen zur Musikforschung 11), (zugleich: Aachen, Techn. Hochsch., Diss.).
  • Sigrid Wiesmann (Hrsg.): Für und Wider die Literaturoper. Zur Situation nach 1945. Laaber-Verlag, Laaber 1982, ISBN 3-921518-67-9 (Thurnauer Schriften zum Musiktheater 6).
Wiktionary: Literaturoper – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

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  1. Edgar Istel, Das Libretto. Wesen, Aufbau und Wirkung des Opernbuchs nebst einer dramaturgischen Analyse des Librettos von Figaros Hochzeit, Schuster & Loeffler, Berlin/Leipzig 1914, DNB 361009720.
  2. Albert Gier: Das Libretto. Theorie und Geschichte einer musikoliterarischen Gattung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1998, ISBN 3-534-12368-9. (Taschenbuch: Insel, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-458-34366-0)
  3. Hans-Gerd Winter und Peter Petersen: Die Büchner-Opern im Überblick. Zugleich ein Diskussionsbeitrag zur Literaturoper. In: Büchner-Opern. Georg Büchner in der Musik des 20. Jahrhunderts. Peter Lang, Frankfurt am Main 1997, S. 6–31; Peter Petersen: Der Terminus „Literaturoper“ – eine Begriffsbestimmung. In: Archiv für Musikwissenschaft 56, 1999, S. 52–70. Zur Diskussion siehe auch Swantje Gostomzyk: Literaturoper am Ende des 20. Jahrhunderts. Eine interdisziplinäre Studie am Beispiel der Opern von Detlev Glanert. Peter Lang, Frankfurt am Main 2009.
  4. Jürgen Maehder: Erscheinungsformen des Wagnérisme in der italienischen Oper des Fin de siècle. In: Annegret Fauser, Manuela Schwartz (Hrsg.): Von Wagner zum Wagnérisme. Musik, Literatur, Kunst, Politik. Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 1999, S. 575–621.
  5. Jürgen Maehder: »Salome« von Oscar Wilde und Richard Strauss – Die Entstehungsbedingungen der sinfonischen Literaturoper des Fin de siècle. In: Jürgen Kühnel, Ulrich Müller, Sigrid Schmidt (Hrsg.): Richard Strauss, »Salome«: Stofftraditionen, Text und Musik. Mueller-Speiser, Anif / Salzburg 2013, S. 55–107.
  6. Richard Taruskin: Realism as Preached and Practiced — The Russian Opera Dialogue. In: Musical Quarterly. 56, 1970, S. 431–454;
    Jürg Stenzl: Heinrich von Kleists Penthesilea in der Vertonung von Othmar Schoeck. In: Günter Schnitzler: Dichtung und Musik – Kaleidoskop ihrer Beziehungen. Klett-Cotta, 1979, S. 224 ff.
  7. Hugh MacDonald: The Prose Libretto. In: Cambridge Opera Journal. 1, 1989, S. 155–166.
  8. Jürgen Maehder: The Origins of Italian »Literaturoper« – »Guglielmo Ratcliff«, »La figlia di Iorio«, »Parisina« and »Francesca da Rimini«. In: Arthur Groos, Roger Parker (Hrsg.): Reading Opera. Princeton University Press, Princeton 1988, S. 92–128.
  9. Hugh MacDonald: The Prose Libretto. In: Cambridge Opera Journal 1, 1989, S. 155–166.
  10. Vgl. www.jstor.org.